Interview
»Drei Freundinnen zwischen Wendechaos und Popkultur«: Sonja Kloevekorn über ihr Romandebüt
In »Musikbox« erzählt Sonja Kloevekorn von der Suche dreier Frauen nach Unabhängigkeit – und entwirft dabei ein literarisches Porträt einer ganzen Generation. Im Interview spricht sie übers Erwachsenwerden und politische Prägung.
Was ist das Thema deines Romans? Worum geht es dir darin?
Der Roman ist auf der einen Ebene eine Freundschaftsgeschichte, es geht um drei Frauen, die jahrelang alles teilen: Sie wohnen im selben Haus, besuchen denselben Kindergarten und dieselbe Schule. Wie Schwestern stützen sie sich in Krisen – bis ihnen das als Studentinnen nicht mehr gelingt.
Auf der anderen Ebene reflektiert der Roman Zeitgeschichte und politische Prägung. Die Freundinnen wachsen im Hamburg der 70er- bis frühen 90er-Jahre in Elternhäusern auf, die von den Idealen der Achtundsechziger geprägt sind. Neben universellen Erfahrungen wie Freundschaft und Liebe formen auch die Ereignisse der Zeit ihr Leben. Mich hat besonders die Wechselwirkung zwischen individuellem und kollektivem Erleben gereizt.
Wie bist du auf die Idee gekommen, diesen Roman zu schreiben?
Die Handlung ist fiktiv, doch das Setting entspricht meiner eigenen Kindheit und Jugend. In meiner Familie und meinem Umfeld wurden Themen wie Frauenemanzipation, antiautoriäre Erziehung und Friedenspolitik aktiv gelebt. Das war keine Einzelerfahrung, sondern einfach diese Zeit. Mich hat interessiert, noch einmal darin einzutauchen und mich zu fragen, wie es damals war, wie es mich und andere geprägt hat – und noch immer prägt.
Zum anderen finde ich diese Phase des Erwachsenwerdens sehr spannend, weil da so viel in Bewegung ist und man fast alles zum ersten Mal macht: Erste Liebe, Ausziehen, Studium oder Ausbildung. Es besteht diese permanente Spannung zwischen großen Träumen, Übermut und Ängsten und dem Abgleich mit der Realität. Und in gewisser Weise trifft das auch auf Bürgerbewegungen zu, die politisch neue Wege gehen – auch sie sind zunächst immer Greenhorns.
Gab es einen Auslöser, der am Anfang deines Schreibens stand?
Ich wollte schon länger einen Roman schreiben und hatte verschiedene Szenarien im Kopf. Als mein Sohn dann Abitur machte, holte mich meine eigene Oberstufenzeit wieder ein: Damals fiel die Mauer, während die Pandemie nun die Welt lahmlegte. Bei uns öffnete sich etwas, bei ihm waren erst einmal alle Türen zu. Das war ein Anlass zu reflektieren, was sich ähnelte und was sich verändert hatte.
Du wechselst zwischen Rückblenden und einer Gegenwartserzählung. Worum geht es dir bei der Form deines Romans, beim Ton?
In der ersten Fassung standen die beiden Ebenen viel härter nebeneinander. Stilistisch war es ein Wechsel aus Sachbuch und Roman. Das hat letztlich nicht gut funktioniert. Es war dann kurz die Frage, ob ich daraus zwei Bücher mache, aber das habe ich schnell verworfen, ich wollte, dass beide Ebenen existieren, das Heute und das Gestern. Also habe ich sie fließender miteinander verwoben.
Die beiden Zeitebenen ermöglichen es mir, Tragik und Komik in einen schnellen Wechsel zu bringen. Wenn in der Rückblende etwas Trauriges geschieht, kann ich in der Gegenwart eine komische Szene setzen. Mir ist wichtig, dass die Geschichte sowohl Tiefe als auch Leichtigkeit hat.
Maren, Nina und Karo sind selbstbewusste Mädchen und Frauen – warum geraten sie so ins Straucheln?
Krisen gehören zu jedem Leben dazu. Für diese Geschichte habe ich mich gefragt, welche Erwartungen an die drei gestellt werden und welche sie selbst an sich richten. Ja, sie sind sehr selbstbewusst, besitzen einen starken Wertekanon und sind sehr leidenschaftlich. Doch eben daraus ergeben sich auch Konflikte, denn beides lässt sich nicht immer in Einklang bringen. Es ist die Lektion des Erwachsenenwerdens: die eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden und eine Haltung dazu zu entwickeln.
Mit Anfang zwanzig stellt man sich grundlegende Fragen: Will ich so werden oder so leben wie meine Eltern? Wie könnte mein Lebensentwurf aussehen? Letztlich lösen zwei Hauptfaktoren die Krise aus: die Verletzlichkeit der Jugend und eine strukturelle patriarchale Gewalt, der gerade junge Frauen damals nur schwer etwas entgegenzusetzen hatten.
Was bedeutet dir Freundschaft?
Freundschaft ist eines der schönsten Dinge im Leben. Sie bildet die Grundlage unseres Zusammenlebens – vielleicht sogar mehr als Liebe. Natürlich kann sie schwierige Phasen durchlaufen, aber im Kern geht es um Freiheit und Wohlwollen. Ich bin sehr dankbar, in allen Lebensphasen tiefe Freundschaften gehabt zu haben.
Was sagen die ersten Leser:innen zu Musikbox?
Viele sagen, dass sie die Geschichte spannend fanden und wissen wollten, wie sie ausgeht. Außerdem finden sie es interessant, wie anders ihre eigene Kindheit war. Das freut mich natürlich – es zeigt mir, dass die Figuren und ihre Erfahrungen etwas auslösen und die Leser:innen zum Nachdenken bringen.
Als Erstes fragen aber alle sofort nach dem Covermotiv.
Wie kamst du zu dem Motiv oder wie kam es zu dir?
Das Bild stammt von der Berliner Malerin Martina Minette Dreier. Es ist ein Ausschnitt aus Venus will choose her dwelling (featuring Karin K). Ich kenne Minettes Arbeit seit über 20 Jahren – und als ich die Venus sah, wusste ich sofort: Das ist es! Dieses Bild berührt mich sehr, es ist so frei, so tröstlich und einfach umwerfend. Und wenn man das Buch gelesen hat, bekommt es noch einmal eine andere Bedeutung – und das finde ich besonders schön.
Und letzte Frage: Wem würdest du deinen Roman empfehlen?
Allen natürlich! Spaß – aber im Ernst: Ich denke, dass sowohl jüngere Leser:innen als auch Menschen in der Lebensmitte oder ältere Leser:innen sicher Anknüpfungspunkte finden, wenn sie gute Geschichten lieben und Interesse an zeitgeschichtlichen Themen haben. Und wer tut das nicht?
Das Interview führte Annika Grützner
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